Die Vertreter der bis vor kurzem noch unbestrittenen Eiszeiteneinteilung

deuten mit Nachdruck darauf hin, daß sie nicht wüßten, ob wir uns zur Zeit einer neuen Eiszeit oder einer neuen Warmzeit nähern. Auch die neuesten Forschungen geben uns keinen sicheren Hinweis, welche Gebiete der Erdoberfläche sich in einer vorerst noch unberechenbaren Zukunft in den Nord- oder Südpol des Erdballs verwandeln werden.
So befindet sich die Erde in unaufhörlicher Entwicklung. Sie ist unaufhörlich Veränderungen ausgesetzt. Wir wissen nicht genau, wie sie entstanden ist, und können ihre Zukunft nicht voraussehen. Während sich der Ablauf eines Tages, eines Jahres unseres Lebens in erschreckender Raschheit vollzieht, stehen wir im Mittelpunkt einer Entwicklung, deren unendliche Langsamkeit unserer Vorstellung ebenso unfaßbar erscheint wie Zeit und Raum, in denen sie vor sich geht.

VOM DENKEN ZUM BESSEREN LEBEN
Wie sie auch immer entstanden sein mögen es steht fest, daß es Eiszeiten und Warmzeiten gegeben hat. Während der Warmzeiten gab es lange Regenperioden, in denen eine üppige Pflanzen- und vielgestaltige Tierwelt auch in Gegenden gedieh, die wir heute nur als Wüsten kennen. Wassermassen strömten von den Gletschern in die Meere, Landhebungen und Landsenkungen formten die Kontinente, verschütteten alte Lebensformen und ersetzten sie durch neue. Vermutlich hat damals keine einzige Stelle der Erdoberfläche so ausgesehen, wie sie heute aussieht.
Manche Gegenden, die heute mit ewigem Sommer gesegnet sind, waren vormals kalt, und manche jetzt von Eis und Schnee heimgesuchte Gebiete genossen tropisches Klima. Man muß über eine starke Einbildungskraft verfügen, um sich vorstellen zu können, daß sich einst Elefanten im Wiener Becken tummelten und Dattelpalmen an den Ufern des Rheins unter einem stets wolkenlosen blauen Himmel wuchsen.
Man kann in Museen und auf Abbildungen Skelettreste oder Nachbildungen der sogenannten »vorsintflutlichen« Reptilien und Fossilien betrachten — mit ungeheuren Fängen und gewaltigen Gebissen ausgestattete Urtiere, ungeheure Eidechsen, die sich schleichend oder

DAS ALTERTUM VOM DENKEN UND BESSEREN LEBEN

Eine Schöpfung des späten Eiszeitmenschen ist die »Venus von \Villendorf«. Schwere Brüste, übermäßig breite Hüften und die deutliche Markierung des Geschlechtsorgans zeigen das Gebanntsein von Fruchtbarkeit und Leben.
mit Känguruhsprüngen vorwärts bewegten und die sogar in der knöchernen Leblosigkeit des Skeletts Angst und Grauen erwecken. Wenn man sich vorstellt, wie auch noch Tiere, die sich später entwickelten, aussahen, und daß unsere Vorfahren zu ihrer Abwehr keine natürlichen Waffen besaßen, erscheint es wie ein Wunder, daß sie überhaupt fähig waren, sich am Leben zu erhalten, ja sich zu einer Gattung zu entwickeln, der es schließlich gelang, die Erde zu beherrschen.
Man könnte die Entwicklungsgeschichte des Menschen als die Geschichte der Überwindung größter Widerstände bezeichnen. Die Natur setzte den Menschen eisiger Kälte und glühender Hitze aus — den Menschen, das zweibeinige Lebewesen, dem sie zum Schutz der empfindlichen Haut nur eine immer spärlicher werdende Behaarung verliehen hatte, dessen Zähne nicht Hauer waren wie die der Raubtiere, dessen Zehen- und Fingernägel verkümmert schienen im Verhältnis zu den Krallen seiner vierbeinigen Zeitgenossen.
Der Mensch hatte Augen zum Sehen, er konnte riechen und hören, tasten und schmecken, aber weder sein Geruchssinn noch sein Gehör waren so vollkommen entwickelt wie bei den meisten Tieren. Er mußte, um den Tieren gewachsen zu sein, seine fünf Sinne besser zusammenhalten, um überlegen zu sein. Er durfte nicht wie die Tiere nur der schnuppernden Nase vertrauen oder dem scharfen Ohr. Er mußte lernen zu denken. Daß dies dem Menschen gelang, ist schlechthin grandios.
Was heißt: denken? Es gibt darüber viele Theorien, doch es mag am einfachsten sein, sich zu vergegenwärtigen, wie der Urmensch — dieses mit so mangelhaften Abwehrwaffen in die angriffslustige Welt gestellte Wesen — dazu kam, das Denken, das ihn von den anderen Lebewesen unterscheidet und über sie erhebt, zu seiner ureigenen, seiner eigentlichen Funktion zu machen : er lauert, er hat Hunger, er hat Angst — eine ewige Angst, wie Tiere Angst vor anderen haben, stärkeren, überlegeneren. Er muß vor allem eines besser können: sich verbergen, sich verborgen halten, solange die gefährliche Nähe des andern währt. Er muß das andere beobachten — und damit beginnt der Denkprozeß.
Während der Affe, dieses dem Menschen ähnlichste Lebewesen, sich fast ausschließlich damit begnügt, seine Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes nachzuäffen, äfft der Mensch nicht blindlings nach, er sieht, er horcht, er lernt aus dem Verhalten des andern Lebewesens, was er für das eigene Leben braucht.
In seinem frühen Lebenskampf, in der harten Schule der Natur, half dem ersten Mann die erste Frau — ganz anders als dem Tiermännchen das Weibchen. Freilich verband die Menschen noch ein weiteres : die Sprache. Es mag erst nur eine Folge von Lauten gewesen sein, mit der sie
Erscheinungen der Umwelt, Gegenstände, Gefühlsempfindungen und auch sich wiederholende Ergebnisse ihres Denkvorganges bezeichneten und zum Ausdruck brachten. Nicht deutlich ausgesprochene Worte waren es, durch die sie sich miteinander verständigten, lediglich kurze Mitteilungen, Laute der Freude und des Vergnügens oder der Unlust und des Schmerzes.

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