Archiv für den Monat April 2010

LEBEN UND STERBEN

Samstag, 24. April 2010

Das bessere Leben ist schon seit der Urzeit das Leitmotiv des menschlichen Daseins. Die wesentlichsten Ergebnisse des Fortschritts sind diejenigen, die zum Ersatz oder zur Ergänzung der Natur führen: sich warm zu halten, wenn es kalt ist, sich vor der Hitze in kühlen Räumen zu schützen, sich das Zusammenspiel der Naturkräfte in seiner ganzen Vielfalt dienstbar zu machen. Das erste der Naturelemente, das der Mensch als einziges Lebewesen sich nutzbar machte und zu beherrschen unternahm, war das Feuer.

Es wurde seine angebetete Gottheit, die Himmelskraft und seine gefügige Magd — wenn es ihm gelang, die »freie Tochter der Natur« zu zähmen. Der Herd wurde das Sinnbild der Häuslichkeit. Der Mensch, der das Feuer beherrschte, begnügte sich nicht mehr mit Faustkeil und Klinge. Er erzeugte bessere Geräte; besonders ein kleines, dreieckiges Feuerstein-Werkzeug, das er zum Kratzen, Schaben und Bohren verwendete, und auch schon handlichere Klingen, die sich in der Form von Messern unserer Tage kaum unterscheiden.

Zu den schwierigsten und gefährlichsten Aufgaben, denen sich der Urmensch gegenübersah, gehörte die Jagd auf Großwild: Nashorn, Elefant und Höhlenbär. Knochenfunde bekunden, daß der Höhlenbär drei Meter hoch war — kein Gegner, dem man einfach entgegentreten konnte! Wer aber einmal gesehen hatte, daß ein Höhlenbär, der nicht auf den Weg achtete, abstürzen und sich dabei den Hals brechen oder die Glieder verrenken konnte, der versuchte es, dem stärkeren, schier unüberwindlichen Gegner Fallen zu stellen. Wem die Natur nicht hilft, der kann sich mit dem Verstand helfen. Wo es keine Abgründe gab, in die der Höhlenbär stürzen konnte, mußte man sie schaffen. So wurde eine Grube gegraben, in die der Höhlenbär ahnungslos fiel und in der er mit der Klinge getötet werden konnte.

Das war nicht die einzige Methode, den überlegenen Gegner zu Fall zu bringen: Was ein Mensch allein nicht konnte, das konnten mehrere, wenn sie sich zusammentaten. Der Bär konnte sich eines, zweier, dreier Menschen erwehren, aber wenn ihn viele gleichzeitig von allen Seiten überfielen, dann siegte die Überlegenheit der Mehrzahl. Man mußte sich nur miteinander verständigen können, um gemeinsam zu schaffen, was der einzelne allein nicht konnte. Das führte zu gemeinsamer Leistung — und zur Teilung der Beute, die ja durch die gemeinsame Leistung vervielfacht wurde. Wer richtig anzuordnen und gerecht zu teilen vermochte, erhielt mehr als die anderen.

Die Erfahrung, daß viele erreichen können, was einer allein nicht kann, führte über die natürliche Gruppe der Familie zum Zusammenschluß mehrerer Familien. So entstand die Horde. Vermutlich waren es meist Blutsverwandte, die herangewachsen waren, solange die Eltern noch lebten, und die beisammen blieben, weil die Erfahrung sie gelehrt hatte, daß vereinte Kräfte Besseres und mehr erwirken können als vereinzelte. Das Zusammensein verminderte die Angst vor der Umwelt. Der Mensch hatte gelernt, sich zu schützen, er verbesserte seine Lebensbedingungen Jahrhundert um Jahrhundert, Jahrtausend um Jahrtausend. Er fand sich auf dem Erdkreis zurecht.

Wenn es irgendwo nichts mehr zu jagen und zu sammeln gab, zog er woanders hin. Auch der Wechsel der Jahreszeiten erschreckte ihn nicht. Er schützte sich vor dem Winter, er genoß den Sommer. Was ihn jedoch erschütterte und zu erneutem Denken zwang, war das Unfaßbare des Todes. Er hatte es in der Tierwelt beobachtet, er wußte, daß von einer Stunde zur nächsten das mächtigste, das größte Tier plötzlich umfiel und sich nicht mehr bewegte. Wenn er selbst es auch erst nicht wagte, sich der gewaltigen Tierleiche zu nähern, so sah er doch, daß Wetter und Zeit die Formen des ehemaligen Lebewesens zerstörten.

Er war Zeuge des Verfalls — und wollte es nicht wahrhaben, daß der Vater, der Bruder, daß seinesgleichen einmal aufhörten zu sein so wie das Tier, das in den Farnen verendete und zerfiel. Sein Vater, sein Bruder konnten doch nicht für immer vergehen! Der Tote wurde mit den Gegenständen, die er im Leben gebraucht hatte und die ihm gehörten, begraben. Die gute Erde, die Wurzeln und Knollen hervorbrachte, von denen die Menschen sich nährten, nahm die Toten auf. In einer Höhle, durch Steinblöcke, die auf und um den Körper gelegt wurden, geschützt, lebte er in der Vorstellung der Lebenden als Toter fort. Am besten war es, den Toten in der Nähe des Herdes im wahren Sinne des Wortes »beizusetzen«, denn er wurde zumeist in sitzender Stellung begraben: Er lebte nach dem Tode weiter.

Das Altertum

Samstag, 24. April 2010

Die Organe entwickeln sich durch Übung. Sprechen zu lernen und das Gesprochene nicht nur zu hören, sondern auch im Sinn zu erfassen, wurde eine der großen Erfahrungen und Leistungen des Menschen.

Die Fähigkeit zur Verständigung führte auch dazu, daß Mann und Frau sich nicht nur durch die körperliche Vereinigung miteinander verbanden und fortpflanzten, sie teilten sich auch Gedanken mit und wurden dadurch einig und eins. Ob die Frau die Lehrmeisterin des Mannes war oder umgekehrt, das wird wohl nie zu ergründen sein. Gewiß ist allerdings, daß ihr Verhalten zueinander, die Bewertung ihrer gegenseitigen Bedeutung, die Achtung, die sie voreinander hatten, schon in frühester Zeit von ihren Lebensgewohnheiten abhing.

Das Altertum

Das Altertum

Wie meist in der Tierwelt ist in der Welt der Menschen der Mann körperlich überlegen. Er ist höher gewachsen, er hat stärkere Muskeln, er scheint widerstandsfähiger z- u sein. Aber es ist sehr wahrscheinlich, daß in der Zeit der frühesten Menschen die Frau besser oder mehr gedacht hat, denn sie war es, die das Genießbare aufspürte und kostete, sammelte und verwahrte. Sie legte Vorräte an und verwaltete sie. Sie war die Hüterin der Höhle, die dem Mann und ihr selbst Schutz gewährte. Sie sandte den Mann hinaus auf die Jagd und sorgte dafür, daß er am Eingang der Höhle Wache hielt.

Die verschiedenen Tätigkeiten von Mann und Frau erforderten bald auch verschiedene Hilfsmittel. Der Mensch hat weder große Fänge noch nennenswerte Krallen. Was er aber nicht hat, das kann er herstellen. Er hat die Hand: das Werkzeug der Werkzeuge. Ein scharfer Stein in seiner Faust ersetzte die Kralle des Raubtieres, und wenn sich der Stein nicht durch Sonnenglut oder Regen vom Felsen gelöst hatte, dann löste ihn der Mensch. Wenn das abgesplitterte Stück von vornherein nicht scharf genug war, lernte der Mensch den Splitter schärfen. So entstanden der Faustkeil und die erste Klinge, die in der harten Hand festgehalten, Kralle und Zahn des Raubtieres

Kralle und Zahn des Raubtieres ersetzten

Kralle und Zahn des Raubtieres ersetzten

ersetzten. Für die Hände der Frau war der Stein zu hart. Holz und Knochen waren die Stoffe, die sie brauchte, und der Mann schuf daraus die ersten Geräte für die Arbeit der Frau. Vor allem benötigte die Frau den Grabstock, ein zurechtgeschnitztes Knochen- oder Holzstück, das es ihr erleichterte, Wurzel und Knollen aus der Erde zu heben. Sie war genügsamer und beherrschter als der Mann, der auf seiner Nahrungssuche das Tier erlegte und dann gleich so viel davon verzehrte, wie er konnte. Die Frau sammelte Wurzeln und Knollen und brachte sie in die Behausung — unter :Felsvorsprünge im Sommer und im Winter in die Höhle. Sie legte Vorräte an, und unter ihrer Obhut gediehen die jungen Menschenkinder.

Die Vertreter der bis vor kurzem noch unbestrittenen Eiszeiteneinteilung

Dienstag, 20. April 2010

deuten mit Nachdruck darauf hin, daß sie nicht wüßten, ob wir uns zur Zeit einer neuen Eiszeit oder einer neuen Warmzeit nähern. Auch die neuesten Forschungen geben uns keinen sicheren Hinweis, welche Gebiete der Erdoberfläche sich in einer vorerst noch unberechenbaren Zukunft in den Nord- oder Südpol des Erdballs verwandeln werden.
So befindet sich die Erde in unaufhörlicher Entwicklung. Sie ist unaufhörlich Veränderungen ausgesetzt. Wir wissen nicht genau, wie sie entstanden ist, und können ihre Zukunft nicht voraussehen. Während sich der Ablauf eines Tages, eines Jahres unseres Lebens in erschreckender Raschheit vollzieht, stehen wir im Mittelpunkt einer Entwicklung, deren unendliche Langsamkeit unserer Vorstellung ebenso unfaßbar erscheint wie Zeit und Raum, in denen sie vor sich geht.

VOM DENKEN ZUM BESSEREN LEBEN
Wie sie auch immer entstanden sein mögen es steht fest, daß es Eiszeiten und Warmzeiten gegeben hat. Während der Warmzeiten gab es lange Regenperioden, in denen eine üppige Pflanzen- und vielgestaltige Tierwelt auch in Gegenden gedieh, die wir heute nur als Wüsten kennen. Wassermassen strömten von den Gletschern in die Meere, Landhebungen und Landsenkungen formten die Kontinente, verschütteten alte Lebensformen und ersetzten sie durch neue. Vermutlich hat damals keine einzige Stelle der Erdoberfläche so ausgesehen, wie sie heute aussieht.
Manche Gegenden, die heute mit ewigem Sommer gesegnet sind, waren vormals kalt, und manche jetzt von Eis und Schnee heimgesuchte Gebiete genossen tropisches Klima. Man muß über eine starke Einbildungskraft verfügen, um sich vorstellen zu können, daß sich einst Elefanten im Wiener Becken tummelten und Dattelpalmen an den Ufern des Rheins unter einem stets wolkenlosen blauen Himmel wuchsen.
Man kann in Museen und auf Abbildungen Skelettreste oder Nachbildungen der sogenannten »vorsintflutlichen« Reptilien und Fossilien betrachten — mit ungeheuren Fängen und gewaltigen Gebissen ausgestattete Urtiere, ungeheure Eidechsen, die sich schleichend oder

DAS ALTERTUM VOM DENKEN UND BESSEREN LEBEN

Eine Schöpfung des späten Eiszeitmenschen ist die »Venus von \Villendorf«. Schwere Brüste, übermäßig breite Hüften und die deutliche Markierung des Geschlechtsorgans zeigen das Gebanntsein von Fruchtbarkeit und Leben.
mit Känguruhsprüngen vorwärts bewegten und die sogar in der knöchernen Leblosigkeit des Skeletts Angst und Grauen erwecken. Wenn man sich vorstellt, wie auch noch Tiere, die sich später entwickelten, aussahen, und daß unsere Vorfahren zu ihrer Abwehr keine natürlichen Waffen besaßen, erscheint es wie ein Wunder, daß sie überhaupt fähig waren, sich am Leben zu erhalten, ja sich zu einer Gattung zu entwickeln, der es schließlich gelang, die Erde zu beherrschen.
Man könnte die Entwicklungsgeschichte des Menschen als die Geschichte der Überwindung größter Widerstände bezeichnen. Die Natur setzte den Menschen eisiger Kälte und glühender Hitze aus — den Menschen, das zweibeinige Lebewesen, dem sie zum Schutz der empfindlichen Haut nur eine immer spärlicher werdende Behaarung verliehen hatte, dessen Zähne nicht Hauer waren wie die der Raubtiere, dessen Zehen- und Fingernägel verkümmert schienen im Verhältnis zu den Krallen seiner vierbeinigen Zeitgenossen.
Der Mensch hatte Augen zum Sehen, er konnte riechen und hören, tasten und schmecken, aber weder sein Geruchssinn noch sein Gehör waren so vollkommen entwickelt wie bei den meisten Tieren. Er mußte, um den Tieren gewachsen zu sein, seine fünf Sinne besser zusammenhalten, um überlegen zu sein. Er durfte nicht wie die Tiere nur der schnuppernden Nase vertrauen oder dem scharfen Ohr. Er mußte lernen zu denken. Daß dies dem Menschen gelang, ist schlechthin grandios.
Was heißt: denken? Es gibt darüber viele Theorien, doch es mag am einfachsten sein, sich zu vergegenwärtigen, wie der Urmensch — dieses mit so mangelhaften Abwehrwaffen in die angriffslustige Welt gestellte Wesen — dazu kam, das Denken, das ihn von den anderen Lebewesen unterscheidet und über sie erhebt, zu seiner ureigenen, seiner eigentlichen Funktion zu machen : er lauert, er hat Hunger, er hat Angst — eine ewige Angst, wie Tiere Angst vor anderen haben, stärkeren, überlegeneren. Er muß vor allem eines besser können: sich verbergen, sich verborgen halten, solange die gefährliche Nähe des andern währt. Er muß das andere beobachten — und damit beginnt der Denkprozeß.
Während der Affe, dieses dem Menschen ähnlichste Lebewesen, sich fast ausschließlich damit begnügt, seine Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes nachzuäffen, äfft der Mensch nicht blindlings nach, er sieht, er horcht, er lernt aus dem Verhalten des andern Lebewesens, was er für das eigene Leben braucht.
In seinem frühen Lebenskampf, in der harten Schule der Natur, half dem ersten Mann die erste Frau — ganz anders als dem Tiermännchen das Weibchen. Freilich verband die Menschen noch ein weiteres : die Sprache. Es mag erst nur eine Folge von Lauten gewesen sein, mit der sie
Erscheinungen der Umwelt, Gegenstände, Gefühlsempfindungen und auch sich wiederholende Ergebnisse ihres Denkvorganges bezeichneten und zum Ausdruck brachten. Nicht deutlich ausgesprochene Worte waren es, durch die sie sich miteinander verständigten, lediglich kurze Mitteilungen, Laute der Freude und des Vergnügens oder der Unlust und des Schmerzes.

Die Entstehung unserer Welt ist ein noch ungelöstes Geheimnis

Dienstag, 20. April 2010

Die Entstehung unserer Welt ist ein noch ungelöstes Geheimnis. Vor jedem Beginn, den die Wissenschaft gefunden zu haben glaubt, steht immer wieder ein neuer Beginn, und je größer die Summe des Erforschten ist, desto dringender wird die Frage nach dem Unerforschten: Woher kommen wir? Wohin gehen wir?
Die Reliquien der vorgeschichtlichen Vergangenheit des Menschen wurden von Fachgelehrten mit den modernsten Methoden untersucht und mit Tierknochen und Skeletten aus der gleichen Zeit verglichen. Auf diese Untersuchungen gestützt, sagt die Wissenschaft, daß menschenähnliche Wesen schon vor über einer Million Jahren lebten. Mehr als eine Million Jahre! — Das ist ein für unsere Begriffe unfaßbarer Zeitraum. Es hilft unserem Vorstellungsvermögen nur wenig, daß die Fundorte der Schädel und Knochenreste als Kennworte zur Bezeichnung unserer Vorfahren dienen: Heidelberg-, Peking-, Java-, Steinheim-, Neandertal-Urmensch und Altmenschen — wir sehen Schädel, deren Formen sich für unser ungeschultes Auge kaum voneinander unterscheiden. Wer die niedrige Schädelhöhe, die fliehende Stirn, die mächtigen Augenbrauen und vor allem das vorspringende  Gebiß des Java-Menschen mit dem Schädel eines Affen vergleicht,  könnte der alten Lehre der Abstammung des Menschen vom Affen vor 236000 zuneigen. Der Schädel des Steinheimer Menschen hingegen, ist der o Kopfform des heutigen Menschen schon ähnlicher.
Zahlreiche Skelettreste wurden im Neandertal bei Düsseldorf gefunden. Wenn man die Erscheinung des nach dem Fundort benannten Neandertalers nachbildet, fallen der ungewöhnlich große Schädel und der untersetzte Bau des Körpers auf. Auch der Neandertaler hat eine niedrige, fliehende Stirn, eine breite Nase, ein vorstehendes Gebiß, und wenn man sich vergegenwärtigt, daß er sich gebückt, vornübergebeugt vorwärts bewegte und zum Schutz gegen Kälte dicht behaart war, dann erscheint der Gedanke nicht ganz erfreulich, daß der Neandertaler als unser urmenschlicher Vorfahre gelten soll.
Der Neandertaler hat in der sogenannten »jüngeren Altsteinzeit«  gelebt.
Wir dürfen uns nicht dadurch befremden lassen, daß die Geologen, die Erforscher der Erdschichten, mit noch unvorstellbareren Zeiträumen rechnen als diejenigen Forscher, die sich »nur« mit dem Ursprung der Menschheit beschäftigen. Für die Geologen ist der
DAS ALTERTUM    VOM DENKEN ZUM BESSEREN LEBEN
Bis 540 Mill.v.Chr.
ab 60 Mill, v. Chr.
Mensch ein Neuankömmling auf der Erde, die sich nach ihren Berechnungen seit mehr als dreieinhalb Milliarden Jahren um die Sonne und um die eigene Achse dreht. Seit ihrem Anfang hat die Erde verschiedene Formen angenommen und sich in ihrer Zusammensetzung unaufhörlich verwandelt: vom flüssigen Feuer sich spaltender Atome zu dampfenden Gasen und Nebeln, zu Verdichtungen aller Art, bis die feste Kruste der Erdoberfläche entstand, die von den Meeren umspült wird. Aber auch seit der Erdball seine heutige, an den Polen abgeflachte Kugelform angenommen hat, sind Veränderungen auf seiner Oberfläche vor sich gegangen. Die Erdschichtforscher haben diese Entwicklung genau untersucht und zeitlich eingeteilt; sie sprechen von der Erdfrühzeit (Algonkium), dem Erdaltertum (Paläozoikum), dem Erdmittelalter (Mesozoikum) und der Erdneuzeit (Neozoikum).

In diesen schier unendlichen Zeiträumen haben sich die geologischen Schichten gebildet, die durch Tiefbohrungen erforscht wurden. Trotz modernster Methoden sind diese Bohrungen bisher aber nicht tiefer unter die Erdoberfläche gedrungen als etwa sechstausend Meter. Diese geologischen Untersuchungen, die von Gelehrten anderer naturwissenschaftlicher Gebiete überprüft und ergänzt wurden, haben zu wertvollen Erkenntnissen geführt, zum Beispiel über die Entstehung der Öl- und Kohlevorkommen unter der Erdoberfläche und über die Entstehung und Weiterentwicklung des Lebens in den einzelnen Epochen der Erdbildung : vom Schalentier zum Krustentier, vom Fisch zum Reptil, von den Vögeln zu den Säugetieren.
Die Ergebnisse und die Bewertung dieser Forschungen schwanken mit den Methoden der wissenschaftlichen Erkenntnis. Die Gelehrten sind gezwungen, sich über das Konkrete, das Greifbare und Faßbare in eine abstrakte Welt zu erheben und sich durch Formeln und Sinnbilder miteinander zu verständigen, die oft nur dem, der in die Geheimnisse der höheren Mathematik eingeweiht ist, verständlich sind. Sogar auf einem Gebiet, auf dem sich die gesamte Gelehrtenwelt schon recht sicher fühlte, traten in letzter Zeit neue Anschauungen auf, durch die bereits feststehende Gesichtspunkte im wahrsten Sinne des Wortes verschoben werden.

Es handelt sich um die sogenannten Eiszeiten, die Frostperioden, die den Erdball in den letzten sechshunderttausend Jahren heimgesucht haben sollen und durch Warmzeiten unterbrochen waren. Die allgemeine Anschauung ging dahin, daß große Teile Nordamerikas, Asiens und Europas viermal von Eis bedeckt waren. Diese Eiszeiten wurden nach kleinen Flüssen des deutschen Alpenvorlandes, den Abschmelzrinnen einzelner Gletschervorstöße, als Günz-, Mindel-, Riß- und WürmEiszeiten benannt. Die Entstehung und Dauer dieser Eiszeiten und die sie ablösenden Warmzeiten wurden auf Schwankungen der Strahlungsenergie, welche die Erde von der Sonne empfängt, zurückgeführt. Die neueste Forschung unternimmt es, nachzuweisen, daß die Eiszeiten nicht dadurch, sondern durch die Bewegung der Erdkugel entstanden sind, die in ihrer Drehung um sich selbst und um die Sonne ihren Nord- und Südpol verschoben hat, so daß sich die Wirkung der Sonnenstrahlen auf verschiedene Gebiete der Erdoberfläche entsprechend dieser Verschiebung verändern mußte.